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Beim „Wein des Monats“ nur einen einzigen Tropfen empfehlen? Das kommt bei Marcus Reckewitz nicht ins Glas… Der Autor und freie Lektor macht gerade mit seinem neuesten Buch „Über die Kunst der Trunkenheit“ Furore. Darin hält er ein leidenschaftliches „Plädoyer für den gepflegten Rausch“, mit einem spannenden Ausflug in die Geschichte des Trinkverhaltens der Menschen und das Händchen für Maß und Mitte.
Ich bin jetzt trunken vor Freude über meinen Gastautoren: Denn wenn jemand mit Sprachwitz, staubtrockenem Humor sowie leicht und beschwingt vermittelten Fachkenntnissen über die Welt der Weine schreiben kann, dann ist es für mich Marcus Reckewitz.  „….nicht der gespreizte Finger am Champagnerkelch und auch nicht der soziale Dünkel des weinlyrisch-ventilierenden Grand-Cru-Trinkers sind das Maß der Dinge“, schreibt er. Sondern ein gepflegter Rausch, Genuss und Geselligkeit mit Spaß im Glas. Und nicht zuletzt Qualität und die Wertschätzung dessen, was uns da weinselig betört.

Weinbegleiter Ruhr: Haben Sie einen Lieblingswein? Woher stammt er? Und wie haben Sie Ihn für sich entdeckt?

Marcus Reckewitz: Mit dem Lieblingswein, das ist ja so eine Sache: Denn wenn „Lieblingswein“ bedeutet, dass man solche Weine am liebsten und deshalb kaum noch was anderes trinkt (solche Weintrinker gibt es ja), dann hab ich keinen Lieblingswein. Das wäre mir zu einfältig. Und Wein ist ja doch eher vielfältig. Meine Devise lautet eher: Immer weiter schnüffeln, immer weiter schmatzen und immer neugierig bleiben für all die Weine, die man noch nicht kennt – oder die neuen Jahrgänge von den Weinen, die man kennt.
Aber es gibt durchaus ein paar Weine auf die ich gerne und immer wieder zurückgreife, weil ich da weiß, was ich im Glas habe. Das sind die Anker, die dabei helfen, im Meer der Möglichkeiten nicht abgetrieben zu werden.

Auf geht’s mit Weißweinen:

Da ist zum einen der Kaitui von Schneider aus der Pfalz, ein ungemein frischer, trocken-präsenter und ungemein fröhlicher Sauvignon Blanc, der stark an die neuseeländischen Sauvignon-Blancs erinnert. Deshalb heißt er wohl auch neuseeländisch Kaitui (=Schneider). Stachelbeeren, Maracuja, Grasnoten, Zitrone – es gibt kaum was Besseres, als diesen „Neuseeländer“ aus der Pfalz für ca. 12 € an einem warmen Sommernachmittag als kühlen Sundowner durch die Kehle gleiten zu lassen,
Auf die Weine von Markus Schneider bin ich vor vielen Jahren durch verschiedene Fachartikel gestoßen, als Schneider noch als einer der jungen Wilden galt. Wild ist er wohl immer noch, zählt mittlerweile aber eher zu den (auch nicht mehr ganz so jungen) Stars der Weinwelt.

Wat schön: Die Weine des Monats Oktober.

Wenn’s etwas weicher und galanter zugehen soll, vor allem, wenn meine Frau mit an Bord ist, dann greife ich neuerdings gerne auf die Chardonnay-Weißburgunder-Cuvee von Wageck-Pfaffmann (auch aus der Pfalz) zurück. Ein absoluter Gaumenschmeichler mit exotischen Aromen von Maracuja, Mango, Physalis, Papaya, Mandarine und Limette, die von einer eleganten Säure und von deutlich mineralischen Tönen klar konturiert und zusammengehalten werden. Für ca. 10 € ein schmelziger Wein mit Suchtfaktor – und ein echter Frauenversteher.
Auf diesen Wein hat mich vor einiger Zeit im Urlaub mein Weinhändler auf der Nordseeinsel Juist (Altmanns Getränke-Kontor) aufmerksam gemacht. Man sollte es kaum glauben, aber doch: Auch mitten in der Nordsee gibt es guten Wein!

Nun sehen wir rot mit Marcus Reckewitz:

Ohne Bordeaux geht es nicht. Mit roten Bordeaux hab ich vor über 30 Jahren angefangen, „Wein zu lernen“. Ich liebe vor allem Bordeaux, die einen deutlichen Cabernet-Sauvignon (CS)-Anteil haben. Und seit vielen Jahren liebe ich immer und immer wieder Chateau d’Aurilhac, einen Cru Bourgeois aus dem Haut-Medoc, der neben CS noch Merlot und Cabernet Franc und ein bisschen Petit Verdot im Glas vereint. Ein Weinhändler machte mich vor vielen Jahren auf diese Granate aufmerksam. Dichte dunkle Aromen von Brom- und Blaubeere, von Edelhölzern (Zedern?), auch Kaffee, Kakao und Leder. Am Gaumen ist er voll, aber nicht zu saftig und genial von Tanninen zusammengehalten – ein wunderbar ausbalancierter Wein. Für knapp 16-20 € (je nach Jahrgang) erhält man zum relativ kleinen Preis einen, wie ich finde, ziemlich großen Bordeaux.

Ein mir mittlerweile mindestens ebenso lieb gewordener roter Bruder kommt aus der direkten Nachbarschaft von d‘Aurilhac: Chateau Charmail , der neben CS und Cabernet Franc einen etwas höheren Merlot-Anteil aufweist. Ein extraktreicher Cru Bourgeois, der am Gaumen mit ungemein subtiler Eleganz daherkommt. Bordeaux-Papst Rene Gabriel ließ über den 2003er Jahrgang vernehmen: „Ein erotischer Wein zum Ausflippen…“ Recht hat er! Für rund 20 € bekommt man in der Tat eine ziemlich volle Ladung Bordeaux-Erotik!

Und zum Schluss was Süßes:

Ein Portwein, der sich nicht Portwein schimpfen lassen darf, weil er aus der Pfalz kommt und „Hensel und Gretel“ heißt und von Schneider (s. o.) und Hensel aufgelegt wird. Hab ich (fast) immer im Regal. Nach dem Essen ein Schluck – statt Dessert. Oder zum Dessert. Oder einfach mal so zwischendurch. Frucht, Frucht, Frucht, dunkelrot und süß und cremig und warm, obwohl er leicht gekühlt am besten schmeckt. Ist wie eine Schachtel Premium-Pralinen – einmal angefangen, kann man nicht aufhören…

Weitere Infos über Marcus Reckewitz und seine Bücher gibt es hier: http://www.reckewitz.de/autor/kulinaria. Sehr zu empfehlen ist sein Dauerbrenner „Populäre Weinirrtümer“.

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