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Ich habe Anja Balzer (46) im vergangenen Jahr bei einem Improtheater-Workshop kennengelernt, den sie leitete. Seitdem faszinieren mich ihre Energie, ihr Wortwitz, ihr Schalk. Sie ist ein Multitalent – Schauspielerin, Theaterpädagogin, Entertainerin, Coach, Klinik-Clown und eine wunderbare Frau. Wir trafen uns in Herne, wo sie mit ihrer kleinen Familie lebt. Anja Balzer zieht den Korken für den Wein des Monats März 2018.  Aber eigentlich geht es um ihre Jugend im Emsland, um alkoholfreies Bier und andere wichtige Themen im Leben….

Weinbegleiter Ruhr: Trinkst du gerne Wein?
Anja Balzer: Ich trinke Wein, vertrage ihn nur nicht so gut.

Warum?
Anja Balzer:
Weil ich oftmals Wein erwische, der mir zu säurelastig ist. Und ich muss dazu sagen: Alkoholmäßig bin ich sozialisiert im Emsland. Bin in Bochum geboren und mit 2 Jahren ins Emsland gezogen mit meinen Eltern.

Was heißt das? Trinkt man da keinen Alkohol?
Anja Balzer: Ich sage dir, da macht man nichts anderes. Aber Wein…?! Entschuldigung. Da trinkt man Berentzen. Da trinkst du halt Appelkorn und Gutskirsch, Omas offenes Bein und ich weiß nicht, was sonst noch. Und Moorwasser – Cola mit Bier gemischt. Du findest auch alle möglichen Gelegenheiten, zu trinken. Ob Geburtstage, Partys. Also die feiern alles, immer und alles.

Und hast du diese Hardcore-Sozialisation mitgemacht?
Anja Balzer: Selbstverständlich. Ich war auf Schützenfesten und im Rockpalast Meppen. Und da wurde getrunken, was man sich leisten konnte.
In unserer Verwandtschaft gibt es Alkoholiker, also meine Eltern sind das zum Glück nicht. Das ist nicht schön, wenn man damit nicht umgehen kann. Das ist einfach Scheiße. Und als ich 18 war, das war die Zeit des Lernens fürs Abi. Wir haben uns getroffen und haben auch gelernt – und danach einen halben Liter getrunken. Da dachte ich: Ich trinke jetzt jeden Abend einen halben Liter Bier, brauche ich’s? Und dann habe ich mal so geguckt- ich brauchte es zum Glück nicht.

Wie lange hast du im Emsland gewohnt?
Anja Balzer: Ich bin mit 26 weg und wieder ins Ruhrgebiet gezogen.

Was trinkt ihr, wenn die Verwandtschaft aus dem Emsland zu Besuch kommt?
Anja Balzer:
Als wir geheiratet haben, hat uns der Mensch vom Catering natürlich etwas empfohlen. Es kamen viele Emsländer. Da war ganz klar: Es musste Dolce Frasca her. Das ist ein süffiger roter Schaumwein. Ganz schlimm. Für dich als Weinkenner bestimmt zum Weglaufen. Es ist wirklich süßer roter Sekt. Mit Eiswürfeln. Wie Hugo in Weiß, nur die Variante in Dunkelrot.
Und ansonsten: Meine Mutter ist 87, sie trinkt keinen Alkohol mehr, seitdem sie vor 8 Jahren einen Herzinfarkt hatte. Mein Papa ist schon seit Ewigkeiten tot. Und wenn meine liebste Freundin aus dem Emsland mal anreist, die trinkt dann tatsächlich Dolce Frasca. Mit Eisklümpchen drin. Das ist einfach so.

Anja Balzer. Foto: Melanie Rieder

Zurück zum Wein…
Anja Balzer: Das war in meiner Jugendzeit zu lulli. Die Erwachsenen sagten: ‚Da merkst du ja nichts.‘ Auch die Bildungsbürger haben eher Bier getrunken. Ich mochte damals schon eher ein Likörchen. Ich war immer schon der Baileys-on-Ice-Typ.

Bist du später beim Wein auf den Geschmack gekommen? 
Anja Balzer: Aber natürlich. Dann war ich Studentin. Und als Studentin trinkt man ja Wein. Man trinkt ja auch als Künstler Wein. Das gehört ja irgendwie dazu, so klischeemäßig. Und es gab Weine, die ich mochte. Es waren die lieblichen Weine. Und was ich auch mochte: Wir waren mal in Frankreich im Urlaub, da habe ich Süßweine kennengelernt (Sauternes) Das war herrlich. Ich mag auch milden Sherry.

Ich gucke ja immer „Sturm der Liebe“ und da gibt es einen Sommelier, der Weine beschreibt von nussig bis holzig und was weiß ich. Da denke ich: Du liebe Güte, was man alles rausschmecken kann. Das finde ich erstaunlich. Das vermag ich nicht. Ich kann nur sagen: Beschwingt er mich oder beschwingt er mich nicht. Schmeckt er mir oder schmeckt er mir nicht. Prickelt’s oder prickelt’s nicht.
Schwere Weine finde ich in Ordnung. Früher habe ich Rotweine getrunken, weil das en vogue war. Aber den habe ich nicht wirklich gemocht. Gemocht habe ich Portwein. Da trinkst du ein Gläschen oder zwei vor dem prasselnden Kamin und redest über was Nettes. Das ist schön.

Was ich null mag, wirklich null, ist Glühwein. Wenn es heißt: ,Komm, wir gehen auf den Weihnachtsmarkt und trinken Glühwein.‘ Ich krieg die Krise. Ich finde das ekelhaft, diese süße Plempe, die einem alles zuklebt. Da trinke ich lieber Hagebuttentee, da weiß ich, was ich hab.

Und du findest alkoholfreies Bier gut….
Anja Balzer: Unbedingt.Ich finde Bier mit Alkohol schwierig, weil man davon betrunken wird. Ich finde den Zustand, von Bier betrunken zu sein, blöd und dumpf. Aber ich mag diesen Geschmack super gerne.Und auch da mag ich eher frisch-süße Biere, keine bitteren.

Es geht dir nicht in erster Linie um einen Rausch?
Anja Balzer: Überhaupt nicht. Bei alkoholfreiem Bier geht’s mir um diese Brause in der Nase, das Frische. Weil: Sprudelwasser langweilt mich. Klares Wasser ohne Kohlensäure ist okay, wenn es schön kalt ist. Aber Limonaden nerven mich und Apfelschorle langweilt mich zu Tode.

Was berauscht dich im Leben?
Anja Balzer: Menschen. Wenn ich ein schönes Gespräch habe. Begegnungen. Begegnungen mit Menschen, bei denen die Seele in den Augen funkelt. Die etwas tun mit Herz. Das finde ich wunderbar.
Mich berauschen Landschaften. Es ist fast egal, ob es ein richtig beeindruckender Berg ist oder ob es das Meer ist oder ein Baum. Tolle Landschaften, die einfach so sind. Da denke ich: Wow! Oder so wie bei unserem Ausflug kürzlich: Wir waren im Zoo in Gelsenkirchen, es war klare Luft, der Wind pfiff und wir haben den künstlichen Wasserfall in Alaska angesehen. Toll!

Das Berauschenste in meiner beruflichen Karriere ist der jährliche Altweiberball  im Ebertbad in Oberhausen. Ich komme da immer raus auf die Bühne und sehe immer anders bekloppt aus. Und dann sage ich: ,Guten Abend, Oberhausen!‘ Das ist für mich wie Mick Jagger in einem Sommerkonzert. Die Moderation mache ich schon so lange. Ich habe das gemacht, als ich Krebs hatte und die Haare durch die Chemo ganz kurz waren. Ich habe es auch gemacht, als ich hochschwanger war. Acht Tage nach Altweiber-Karneval war die Entbindung meines Sohnes. Es ist cool. Du kommst da raus, alle kennen dich, 400 Kehlen kreischen. Das macht Spaß.

Beitrags-Aufmacher-Foto: Michelle Schwabe

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